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Buch des Monats Juni 2009

Mit der Geschwindigkeit des Sommers

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Buchcover.

Julia Schoch: Mit der Geschwindigkeit des Sommers
Piper Verlag 2009, 160 Seiten, 14.95 Euro.
ISBN: 9783492052528
Internet: www.piper-verlag.de

Die so bewegende wie einsichtsvolle Geschichte einer rätselhaften Frau: Nuanciert und mitreißend erzählt Julia Schoch vom Untergang der DDR und dem Ende aller Träume mit der Erfüllung des Wunschs nach Freiheit.

Vor allem die Frauen waren übermütig, ihre Gesichter leuchteten, und ihr Lachen hörte man die ganze Nacht hindurch. Als hätte ihnen nun der Lauf der Geschichte, die Auflösung unseres Staates, ein Argument für ein eigenes Leben gegeben. Meine Schwester aber, die in der Abgeschiedenheit der Kiefernwälder und des Stettiner Haffs von der Freiheit geträumt hatte, hatte noch nichts, das sich zu verlassen lohnte. Nur die Familie, den Ehemann. Aber sie blieb, traf sich wieder mit ihrem alten Liebhaber und gab sich fast schwärmerisch der verlockenden Vorstellung hin, dass in diesem anderen Staat ein anderer Lebenslauf für sie bereitgestanden hätte. Wäre ich aufmerksamer gewesen, hätte ich ihre verhängnisvolle Entscheidung vielleicht rückgängig machen können.

Die Autorin:
Julia Schoch, 1974 in Bad Saarow geboren, lebt nach Aufenthalten in Bukarest und Paris als freie Autorin und Übersetzerin mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Potsdam. Für ihr von der Kritik hoch gelobtes Erzähldebüt "Der Körper des Salamanders" wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. dem Förderpreis des Friedrich-Hölderlin-Preises und des Annette-von-Droste-Hülshoff-Preises.

Leseprobe:
Was weiß diese Zeit von einer anderen.
Bevor meine Schwester sich in New York das Leben nahm oder, den Ahnungslosen zufolge, zufällig dort starb, hatte ich das immergleiche Bild von ihr im Kopf.
Bis ich von ihrem Selbstmord erfuhr, sah ich, wenn ich an sie dachte, meine Schwester abends vor das Einfamilienhaus treten, in dem sie während der letzten Jahre mit ihrem Ehemann und den Kindern wohnte. In beiden Händern schwere Plastiksäcke tragend, tritt sie bei Regen und Dunkelheit vors Haus, läuft durch die Pforte hindurch auf die Straße, wo sie die Säcke abstellt, gegen den Zaun. Trotz des Regens bleibt sie einen Moment dort, geht nicht sogleich wieder zurück, sondern blickt hinüber zum Wald, an den die aufgereihten Häuser grenzen. Erst nach einigen Minuten geht sie langsam, ohne den Kopf einzuziehen, durch den Vorgarten zurück ins Haus. Und dann nur noch der Anblick der in der Dunkelheit zurückgelassenen Säcke, des Regens, gleichmäßig und stark.
Jahrelang, in großer Unbeweglichkeit, dieses Bild, in dem alles beschlossen schien. Und das sich inzwischen immer mehr entfernt, mitsamt dem nördlichen Himmel und seinen eintönigen Nachtfarben, in denen der Körper meiner Schwester steht. Schmal, überlegend.
Während an die Stelle ein anderes tritt.

Anstattt wie die meisten Menschen die Dinge des Lebens in Glück und Unglück einzuteilen, habe ich seit jeher nur eine Unterscheidung gekannt: Etwas geschieht, oder es herrscht die vollkommene Abwesenheit jeden Geschehens.
Als Kind hatte ich oft das Gefühl, zu spät geboren worden zu sein, sogar als allerletzte. Die Porträts des Staatsoberhauptes in den öffentlichen Gebäuden hingen immer schon so, der Frieden war ein ewiger, der Mittag hörte nicht auf. So kam es, dass mir jeder Vorfall allein dadurch schon günstig erschien, dass er das Gegenteil der Unbewegtheit, der äußeren Stille war. Ich gewöhnte mir an, nach Geschehnissen zu gieren. Wie versunken malmende Tiere durch die Witterung ruckartig aufmerken, nahm ich jeden veränderten Umstand sofort als DAS LEBEN wahr. Und obwohl sich das aus der Kinderzeit mitgeschleppte Gefühl längst und nach dem, was sich ereignet hat, ins Gegenteil zu verkehren beginnt (ich bin um Jahrzehnte, vielleicht um Jahrhunderte zu früh, natürlich!), hat sich doch dies gehalten: dass ich allem, was geschieht, mit einer seltsam stumpfen Neugier zusehe.


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Konzerttipps

Auf Tour durch Brandenburg / Berlin

  • 21.02., 3 Doors Down, Berlin
  • 24.02., Chris Doerk & Frank Schöbel, Rathenow
  • 24.02., The Jailbreakers, Potsdam
  • 26.02., Spencer Bohren, Zehdenick
  • 27.02., Tim Bendzko, Berlin
  • 03.03., Carolyn Wonderland, Lauchhammer
  • 04.03., Rea Garvey, Berlin
  • 04.03., Adoro, Berlin
  • 07.03., Mitch Ryder, Berlin
  • 09.03., Noel Gallagher's High Flying Birds, Berlin
  • 11.03., Michael Hirte, Schwedt/Oder
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