WELF GROMBACHER
Paul Schmitthenner hatte sich solche Mühe gegeben, der von ihm projektierten Gartenstadt Staaken durch schiefe Straßen und heimelige Tordurchgänge eine möglichst altdeutsche Atmosphäre zu verpassen. Wie eine gewachsene Stadt sollte die zwischen 1914 und 1917 entstandene Siedlung wirken. Und dann kam ein paar Jahre später der Architekturkritiker Julius Posener und stöhnte in Anbetracht der Schmuckgiebel und der verwinkelten Anlage: "Man reiche mir den härtesten Gropius!" Als eigne sich die Sachlichkeit des Bauhauses und seines Begründers geradezu als kathartischer Katalysator, der einen die altertümliche Anlage Schmitthenners erst ertragen lasse.
Es ist schon so eine Art Ironie des Schicksals, dass Erwin Gutkind nur ein paar Jahre später in unmittelbarer Nachbarschaft der Gartenstadt wirklich eine Siedlung baute, die der weißen Moderne des Bauhauses entsprach. Als habe Gutkind das Wehklagen Poseners vernommen. Staaken verfügt also über zwei Siedlungen, die als diametrale Inkunabeln des neuen Bauens zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelten können. Schmitthenners Tradition kollidiert mit Gutkinds Avantgarde.
Dabei würde man Paul Schmitthenner (1884 bis 1972) allerdings ein wenig Unrecht tun. Spätestens seit der Frankfurter Ausstellung vor ein paar Jahren würdigt man auch seine Verdienste. Nicht nur der Gedanke der in Deutschland erst aufkommenden Gartenstadtbewegung war seinerzeit modern. Schmitthenner war es auch, der als einer der ersten Architekten mit Typenhäusern experimentierte. Auf einem 350 000 Quadratmeter großen Areal erstellte er für die Arbeiter der Spandauer Munitionsfabrik 298 Ein- und 146 Mehrfamilien-Häuser. Das einzige vor dem Ersten Weltkrieg begonnene und in seinem Verlauf fortgeführte Gartenstadtprojekt überhaupt. Dazu verwendete er lediglich fünf Haustypen, die er mal mit norddeutschen Glockengiebeln, mal mit süddeutschen Zwerchgiebeln "tarnte", damit das menschliche Bedürfnis nach Abwechslung trotz der preisgünstigeren Einheitsform befriedigt werde.