
Orgel Dorfkirche Sternhagen
Seit es im Land Brandenburg eine (1979 begonnene) systematische Orgelfeldforschung gibt, kommt es immer wieder zu Entdeckungen, die alle Erwartungen übertreffen und so bedeutsam sind, dass sie das Wertebild der gesamten Orgellandschaft weiter nach oben verschieben. Dazu gehören seit nunmehr 20 Jahren auch zwei Instrumente von Joachim Wagner, den wir als bedeutendste geistige Vaterfigur des märkischen Orgelbaus anzusehen haben. Eins davon - das hier vorgestellte - konnte 1984 vom Verfasser identifiziert werden, während im selben Jahr Dietrich Kollmannsperger im Prignitzer Raum (Rühstädt) auf ein weiteres stieß. Gegenseitige Untersuchungsvergleiche ließen keinen Zweifel daran, dass es sich um Arbeiten des märkischen „Großmeisters“ handeln muss.
Wenn wir das Sternhagener Instrument selbst sprechen lassen, ergibt sich das folgende Bild: Aus mehreren Inschriften (z.T. eingestemmt, z.T. mit Bleistift) auf der Innenseite der rechten Gehäusetür geht hervor, dass das Werk ursprünglich 1736 in der Kirche zu Gramzow (nördlich von Angermünde) aufgestellt worden ist und 1857 einem neuen, größeren Werk weichen musste. So gelangte es schließlich in die Sternhagener Dorfkirche (z.Z. Krs. Prenzlau), welche bis zu diesem Zeitpunkt keine Orgel hatte. Der erste Blick trifft auf ein schmutzig-braunes Gehäuse. Kratzt man ein wenig, erscheint eine weiße Schicht, die wiederum eine blaue bedeckt. Wie in Felchow (Krs. Angermünde) befindet sich die Spielanlage an der Seite, wobei die Registerzüge in Kopfhöhe des Spielers horizontal als versetzte Doppelreihe in den Spielschrank eintreten. Ganz in Wagnerscher Manier präsentiert sich die Form der gedrechselten Manubrien. Ursprünglich waren 14 Züge angelegt, wovon z. Z. vier fehlen. Die Erklärung liegt bei ursprünglich geteilten Schleifen, die im 19. Jahrhundert offensichtlich nicht auf Gegenliebe gestoßen sind. Trotzdem lässt sich die einstige Disposition anhand der vorhandenen Substanz und einer Überlieferung des Prenzlauer Musikdirektors Bemann (v. 1856) relativ sicher rekonstruieren:
Manual
Prinzipal 4’ Zinn, teilweise im Prospekt
Gedact 8’ C-h Holz, sonst Metall
Rohrflöte 4’ Metall
Nassard 3’ als Rohrflöte, Metall
Oktave* 2’ Zinn
Quinte* 1 1/3’ Metall
Mixtur* 3 f. Metall
Cornett* 3 f. Metall
Pedal
Subbaß 16’ Holz, gedeckt
Oktavbaß 8’ Holz, offen
Zimbelstern, Calcant
(* = auf geteilten Schleifen stehend).
Nirgends finden sich Spuren einer Pedalkoppel. Der Aufkleber „Cornett 3 fach“, der dazugehörige durchgehende Pfeifenstock und das Zeugnis Bemanns legen den Schluss nahe, dass die Mixtur die Basshälfte eines geteilten Registers bildete, welches im Diskant mit dem Cornett besetzt war. Auch die entsprechende Zuganlage ist noch vorhanden. Leider fehlen alle dazugehörigen Pfeifen. Das gleiche gilt für den Prinzipal 4’. Stattdessen ist der Prospekt mit Zinkpfeifen und Holzattrappen bestückt, vermutlich eine Folge des ersten Weltkrieges. Die beiden Pedalregister sind wahrscheinlich Kinder des 19. Jahrhunderts. Alle anderen Stimmen enthalten - wenn auch nicht vollständig - Wagnersche Originalsubstanz, wenngleich das in Rohrflötenart gebaute Nassard in der Orgel des Nachbarortes Lindenhagen gesucht werden muss. 28 Pfeifen davon sind erhalten und bekamen ihre gegenwärtige Schicksalsrichtung gewiss durch einen „christlich-sparsamen“, aber ansonsten recht bedenkenlosen Geist.
Sämtliche Metallpfeifen haben ein relativ großes Gewicht, was nicht nur auf die dicken Wandungen, sondern auch auf den hohen Bleianteil zurückzuführen ist. Hüte sind jeweils mit einer Gittergravur umgeben. Die Besetzung der zweifellos Wagnerschen Laden entspricht der Ordnung im Prospekt, welcher in einen Mittelturm (Segmentgrundriss) und zwei nach innen gewölbte Seitenfelder gegliedert ist. Es ergeben sich aus C- und D-Seite bestehende diatonische Pyramiden. Unter der Manuallade stoßen wir auf eine interessante Wellenterrassenmechanik. Dagegen ist die Spielverbindung zur Pedallade über ein liegendes Wellenbrett geführt. Beide Klaviaturen (Manual C, D-c’’’ und Pedal C, D-c’) müssen der Entstehung nach im frühen 18. Jahrhundert angesiedelt werden, gehören also ebenfalls zum ursprünglichen Teil der Orgel. An den Stirnen der schwarzen Manualuntertasten befinden sich zweistufige Halbkreisfräsungen, auf den Vorderteilen der Spielflächen je drei Querrillen. Lediglich die Spielflächen der Obertasten sind mit „weißem Bein“ belegt. In der Bass- und Diskantlage wird die mechanische Traktur gezogen, in der Mittellage durch Stecher in Bewegung gesetzt.
Verglichen mit der äußeren Staffierung anderer Kleinorgeln Wagners muss das Schnitzwerk als kümmerlicher Rest einer vormals reicheren Schauseite angesehen werden. Trotzdem lassen die Synopse von Bauart, -ort und -zeit sowie der Vergleich mit anderen Werken des genannten Meisters nur den Schluss auf dessen Urheberschaft zu.
Wie schon angedeutet, kam es im 19. Jahrhundert - möglicherweise während der Umsetzung durch die Potsdamer Orgelbauer Gesell und Schulz - zu Veränderungen. Dabei wurden die Schleifenteilungen (und evtl. ein Tremulant) beseitigt. Auch der Zimbelstern ist verschollen. Dafür bekam das Werk ein Salicet 8’ anstelle der Quinte 1 1/3’. Darüber hinaus ersetzte man einen Teil alter durch neue Pfeifen.
Bedingt durch eine Umstimmung auf Kammerton fehlen überall die Pfeifen von c’’’. Die Windversorgung erfolgt über zwei alte Keilbälge unterhalb der Orgelempore.
Zurzeit befindet sich die Orgel in einem bejammernswerten, unspielbaren Zustand, nicht zuletzt deshalb, weil ihre unbenutzte kirchliche Behausung in einem Ort liegt, der noch wenige Familien beherbergt. Es bleibt zu hoffen, dass durch schnelles, gemeinsames Handeln aller zuständigen Personen dieser überaus wertvolle Schatz alter Instrumentenbaukunst vor dem Untergang bewahrt werden kann. Die gegenwärtige Dispositionsgestalt nimmt sich so aus:
Manual C, D – c’’’
Principal 4 Fuß
Gedact 8 Fuß
Salicet 8 Fuß
Rohrflöte 4 Fuß
Nassard 2 2/3 Fuß
Octave 2 Fuß
Cornett 3 fach
Pedal C, D – c’
Subbass 16 Fuß
Oktavbaß 8 Fuß