Den Beginn der Besiedlung des Ostens des heutigen Deutschlands durch die Slawen wird in das 7./8. Jahrhundert datiert. Die bedeutendsten westslawischen Stämme waren die Stodoranen/Heveller im Bereich der Havel mit ihrer Hauptfeste Brandenburg/Brennaburg, die Spreewanen im Gebiet der unteren Spree sowie die Obodriten, Wilzen (Weletaben) und Ukranen in Ostholstein, Mecklenburg und Vorpommern. Die Sorben/Serben siedelten im Elbe-Saale-Gebiet; die Westgrenze folgte im Wesentlichen dem Lauf der Saale. Teile der Sorben drangen in Thüringen ein und kamen bis nach Nordostbayern.
Die Lusizer siedelten in etwa in der heutigen Niederlausitz und die Milzener in etwa in der heutigen Oberlausitz.
Stamm der Lusizer
Um die Mitte des 9. Jahrhunderts ist für das Gebiet der späteren Niederlausitz jedoch nur von einem Stamm mit Namen "Lunsizi" (Lusizer) die Rede. Lonsicin - Bewohner des Sumpflandes. Die Eigenheit der Landschaft gab ihr den Namen Łužyca (Lausitz). Dadurch ist der Name der Lusizer erhalten geblieben.
Bevor den deutschen Stämmen der Sachsen (der Stamm der Sachsen bewohnte damals das heutige Niedersachsen), Bayern und Schwaben die Namen der einzelnen slawischen Stämme im Osten bekannt waren, wurden alle Slawen von den Deutschen Wenden genannt. Der Begriff/Name Wenden hat sich aus dem Namen der Veneter entwickelt, die in früheren Zeiten zwischen Kelten und Slawen siedelten.
Sicher ist, dass die Veneter im 1. Jahrhundert nach Christus in der antiken Geographie ihren festen Ort und Namen hatten. Am Ende des 1. Jahrhunderts hatte Tacitus Kenntnis von ihnen. Die Veneter waren Restvölkerschaften der Illyrer, unter denen sich mit großer Wahrscheinlichkeit auch slawische Volksteile befanden. In diesem Durcheinander wurde auch die in weiter Ferne wohnenden Slawen mit dem Namen Veneter belegt.
Die ursprünglichen Serben, später Sorben wurden vor den Lusizern und Milzenern unterworfen. Lange Zeit ging man davon aus, dass die Oberschicht (Fürsten) nach der Unterwerfung umgebracht wurden. Inzwischen weiß man, nach Durchsicht der früheren Urkunden, dass die Oberschicht zum Christentum übertrat und dadurch christliche Namen annahmen.
Slawische Oberschicht überwiegend sorbisch
Nach der Unterwerfung der Lusizer und Milzener siedelten sich große Teile der sorbischen Bevölkerung in Gebieten der Lusizer und Milzener an. Man kann davon ausgehen, dass sie dort dominant wurden, d.h. die slawische Oberschicht scheint in dieser Zeit in den Gebieten der Lusizer und Milzener überwiegend sorbisch gewesen zu sein. Erleichtert wurde dieses Vorgehen möglicherweise auch durch Einheirat von sorbischen Adligen in den deutschen Adel. Schon seit dem 10. Jahrhundert werden die Lusizer und die Milzener unter dem Blickwinkel der deutschen feudalen Ostexpansion hin und wieder zu den Sorben gerechnet, bis schließlich im Verlauf von Landesausbau und Territorialentwicklung der Begriff "Sorben" in den deutschen Quellen zur Benennung dieser Stämme verwendet wurde.
Die sorbische Bevölkerungssubstanz ging im Wesentlichen in ihrer vollen Stärke in ihren ursprünglichen Siedlungsgebieten im 13. bis 15. Jahrhundert im deutschen Volk auf. Im 15. Jahrhundert, nachweislich seit 1410, vollzog sich eine Erweiterung des Namens "Lusitz" auf das Budissiner Land, die obere "Lusitz". Aus dieser Entwicklung ging das Markgrafentum Oberlausitz hervor; das eigentliche Markgrafentum Lausitz wurde jetzt Niederlausitz genannt.
Unterschiedliche sprachliche Wurzeln
Die Ergebnisse einer Reihe von sprachwissenschaftlichen und archäologischen Forschungen innerhalb der vergangenen 20 Jahre haben ergeben, dass das herkömmliche Bild der Sorben unrichtig war und ihre Ethnogenese wesentlich komplizierter verlief, als bisher angenommen wurde. So konnte nun von seiten der Sprachwissenschaft nachgewiesen werden, dass sich das sorbische Sprachgebiet in einen "West- und einen Ostflügel" gliedert und somit das Sorbische auf unterschiedliche sprachliche Wurzeln zurückzuführen ist. Wie alt jedoch die seit dem 16. Jahrhundert fassbare Übertragung der Sorben-Namen vom West- auf den Ostflügel des Sorbischen ist, kann man schwer sagen.
Für die Niederlausitz erscheint der Begriff "Serb" erstmals im Jahr 1548 in der Übersetzung des Neuen Testaments durch den Niederlausitzer Pfarrer Nicolaus Jacob (Mikławus Jakubica).
Sorben oder Wenden?
Die frühere Eigenbezeichnung für die Lusizer ist zwar wahrscheinlich nicht mehr auffindbar. Jedoch wird seit 400 Jahren von den Lusizern auch der Name "Serbske" geschrieben. Also ist der Name "Sorben" auch für die heutigen Lusizer unumkehrbar.
Das Wort "Serb" bedeutet so viel wie der "der Seine", "der Sippenangehörige". Der Name "Sorben" hat sich durch die lateinischen Geschichtsschreiber entwickelt. Aus dem ursprünglichen Eigennamen "Serb" entstanden dann die lateinischen Begriffe "Surbi, Sirbi, Sorabi, Sorbi", aus denen im Deutschen schließlich die Benennung "Sorben" für die in der Lausitz lebenden Slawen wurde.
Hier ist noch einmal darauf hinzuweisen, dass die Slawen/Lusizer/Sorben von den deutschen Behörden und Menschen "Wenden" genannt wurden. Aber auch Übersetzungen, z.B. des Alten Testaments wurden von den Deutschen als wendische Übersetzungen bezeichnet. Der Name "Wenden" wurde aber auch mangels der Kenntnis der eigenen Geschichte von den Sorben als Eigenbezeichnung benutzt. Die gebildeten Sorben, die Kenntnis von ihrer Geschichte bzw. ihres Ursprungs hatten, benutzten sicher im allgemeinen Umgang miteinander der Einfachheit halber zum großen Teil auch als Eigenbezeichnung für sich den Namen "Wenden".
Der Name "Wenden" hatte sich in der Niederlausitz, aber auch in der Oberlausitz, ohne die eigenen Geschichte zu kennen, fest eingeprägt. Durch die geschichtlichen Ereignisse (Weimarer Republik, Nationalsozialismus) wurde nach 1945 von Vertretern der Sorben mit politischem Rückhalt beschlossen, nur den eigenen Namen "Sorben" zu benutzen.
Die Menschen in den Dörfern wurden auf die neue Bezeichnung, d.h. auf ihren "neuen" Namen "Sorben", nicht vorbereitet. Das ist das Problem von heute. Einerseits, wie wurde den Wenden (denn ein anderer Name war den meisten Dorfbewohnern vermutlich unbekannt) in der Niederlausitz der Name "Sorben" nach 1945 "übergestülpt"? Andererseits, war der Name "Sorben" neu in dem Sinne eigentlich nicht, denn in der Sprache der Niedersorben wurde er ja gesprochen, "my smy serbske" - "wir sind Sorben", das wird seit 400 Jahren so geschrieben, ob es von Anfang an auch in den Dörfern so gesprochen wurde, ist eine andere nicht zu beantwortenden Frage.
Marianne Buckwar-Raak
Aufschwung der sorbischen Kultur
Zur Reformationszeit nahm die sorbische Kultur einen bedeutenden Aufschwung. Es bildete sich ein religiöses Übersetzungsschrifttum heraus. So übersetzte Miklawš Jakubica 1548 das Neue Testament handschriftlich ins Niedersorbische. Später folgten Übersetzungen des Katechismus in gedruckter Form.
Nach dem dreißigjährigen Krieg, bei dem die Sorben fast die Hälfte ihrer Bevölkerung verloren hatten, erschienen obersorbische und niedersorbische Übersetzungen des Neuen und Alten Testamentes. Außerdem verfasste Jan Chojnan grammatisch-lexikale Werke in niedersorbisch und Jurij Hawštyn Swìtlik in obersorbisch. Die erste obersorbische Grammatik von Jakub Xaver Ticinus begründete die katholische Schriftsprachenvariante der Obersorben. Zur beginnenden Literatur kamen mündlich überlieferte Stoffe in Form von Liedern, Sagen und Märchen hinzu. Jurij Mjen erschuf 1767 die weltliche sorbische Kunstdichtung mit der Übersetzung des „Messias“ von Friedrich Gottlieb Kloppstock.
War bis zu diesem Zeitpunkt die kulturelle Entwicklung stark von Geistlichen geprägt, so wurde diese Entwicklung mit der Gründung der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften in Görlitz 1779 auch von den deutschen Gelehrten unterstützt.
Kampf um nationale Unabhängigkeit
In der offiziellen Sorbenpolitik Mitte des 19. Jahrhunderts vermied man jeden Hinweis auf einen Sonderstatus der Sorben. Im Zuge der bürgerlich-demokratischen Revolution 1848 entstanden jedoch politische Vereinigungen und Bewegungen, die den Kampf um nationale Unabhängigkeit beschworen und Kultur und Wissenschaften aufblühen ließen. Hier traten besonders der sorbische Nationaldichter Handrij Zejler und der Dichter Jan Arnošt Smoler hervor. Mit ihren Zeitungen Jutnièka und Tydzenske Nowiny halfen sie, nationale sorbische Volksinteressen zu artikulieren und den Bildungsstand der Sorben zu heben.
Nach dem Vorbild anderer slawischer Völker gründeten sie 1847 die Macica Serbska, einer Gesellschaft für Wissenschaft und Volksbildung. Sie wurde zum Zentrum des kulturellen und wissenschaftlichen Lebens der Sorben. Forderungen der Macica nach Gleichberechtigung der Sprache, kam die sächsische Regierung in Teilen nach. In Preußen wurden hingegen kaum Zugeständnisse gemacht.
Kulturelles Leben konnte sich hier nur schwer entfalten. Die Reichsgründung 1871 war in dieser Hinsicht auch ein Rückschlag. Die Bemühungen der preußischen Regierung, die sorbische Minderheit zu germanisieren, wurden wieder verstärkt.
1888 verbot das preußische Kultusministerium den sorbischen Sprachunterricht am Gymnasium in Cottbus. Sorbische Intellektuelle reagierten auf diese Angriffe und versuchten den Widerstand gegen die eingeschlagene Sorbenpolitik zu erhöhen.
Im Jahre 1904 eröffnete schließlich das Wendische Haus in Bautzen seine Pforten. Am 12.Oktober 1912 wurde in Hoyerswerda der Dachverband der 31 sorbischen Vereine, die Domowina, gegründet. Sie fasste die nach 1848/49 entstandenen Bürger-, Bauer- und Bildungsvereine mit ihren rund 2.000 Mitgliedern zusammen und sollte das sorbische kulturelle Leben weiter festigen.
Weimarer Republik - politische und volkstümliche Entfaltung
Nach dem Ende des 1. Weltkrieges wurden Forderungen nach selbstständiger Verwaltung laut, jedoch legte die Weimarer Verfassung im Artikel 113 lediglich fest, dass die „fremdsprachigen Volksteile des Reiches (...) durch die Gesetzgebung und Verwaltung nicht in ihrer freien volkstümlichen Entwicklung, besonders nicht im Gebrauch ihrer Muttersprache beim Unterricht sowie bei der inneren Verwaltung und der Rechtspflege beeinträchtigt werden [dürfen]“.
Im Jahre 1920 wurde die Wendische Volkspartei von Jan Skala gegründet, konnte im Parlament allerdings keine Mandate erringen. Sie setzte sich für die Ziele der sorbischen Nationalbewegung ein. Zusammen mit der Domowina und der Macica Serbska bildeten sie 1925 den Wendischen Volksrat. Auch in dem im Jahr 1924 gegründeten Verband der nationalen Minderheiten Deutschlands arbeiteten die Sorben mit.
In den folgenden Jahren entstanden zahlreiche Vereinigungen, Genossenschaften und eine sorbische Volksbank. Die demokratischen Verhältnisse der Weimarer Republik boten den Sorben nun bessere Möglichkeiten, volkstümliche Aktivitäten zu entfalten. Hier leisteten, besonders in der Oberlausitz, die zahlreichen sorbischen Vereine breite Kultur- und Bildungsarbeit.
Verbot im Nationalsozialismus
Die nationalsozialistische Machtergreifung im Jahre 1933 setzte dieser Entwicklung ein jähes Ende. 1937 wurde die Domowina verboten, da sie sich weigerte, ihre Statuten den Forderungen der Nationalsozialisten anzupassen. Sorbische Lehrer und Geistliche verließen daraufhin die Lausitz; der Unterricht wurde eingestellt und der öffentliche Gebrauch der sorbischen Sprache untersagt. Alle sorbischen Vereine und Organisationen wurden verboten und deren Eigentum konfisziert. Sorbische Zeitungen und Zeitschriften erschienen nicht mehr.
DDR - Zwischen Förderung und Bevormundung
Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Domowina mit ihrer Wiedergründung am 10. Mai 1945 erneut ihre Arbeit auf, mit dem Ziel, die sorbische Identität in der Lausitz zu beleben. Der zur gleichen Zeit in Prag gegründete Sorbische Nationalausschuss sah zunächst die Zukunft der Sorben in ihrer Anbindung an die Tschechoslowakische Republik. Die Domowina setzte hingegen aus historischen Gründen auf das Zusammenleben mit den Deutschen.
In der DDR-Verfassung wurden die Sorben als nationale Minderheit anerkannt und ihr Anspruch auf Förderung ihrer Kultur und Sprache festgeschrieben. Das Land Brandenburg verabschiedete außerdem 1950 eine entsprechende Verordnung.
Für die Berücksichtigung der sorbischen Interessen wurden in den jeweiligen DDR-Ministerien Abteilungen für die sorbischen Belange eingerichtet (z.B. Kultur und Innenpolitik) und staatliche wissenschaftliche Institutionen (Institut für sorbische Volksforschung; Institut für Sorabistik an der Universität Leipzig) geschaffen.
Um eine Gleichstellung der sorbischen Bevölkerung zu sichern, wurden verschiedene juristische Regelungen erlassen. So wurde der sorbische Schulunterricht und die zweisprachige Beschriftung öffentlicher Einrichtungen im deutsch-sorbischen Gebiet wieder eingeführt.
Trotzdem war die offizielle Politik gegenüber den Sorben von ideologischer Bevormundung und Kontrolle geprägt, wenngleich eine gewisse Eigenständigkeit gewahrt bleiben konnte. Im Vergleich mit nationalen Minderheiten anderer Länder konnten sich hier die sorbische Kultur und die Wissenschaft in einer überdurchschnittlichen Breite entwickeln.
Nach dem Mauerfall
Neue politische Rahmenbedingungen ergaben sich mit dem Ende der DDR auch für die Sorben. In einer Erklärung der Domowina sprachen sie sich im März 1990 für die deutsche Einheit aus. Im gleichen Jahr eröffnete auch das Wendische Haus in Cottbus. 1991 konstituierte sich die Domowina neu. Ebenso wurde die Stiftung für das sorbische Volk, eine gemeinsam von den Ländern Brandenburg und Sachsen und dem Bund finanzierte Einrichtung, ins Leben gerufen. Sie soll wichtige sorbische Einrichtungen sowie Projekte und Maßnahmen fördern, die zur Erhaltung der sorbischen Kultur und Identität beitragen.
Der Brandenburger Landtag verabschiedete 1994 schließlich das „Gesetz zur Ausgestaltung der Rechte der Sorben (Wenden) im Land Brandenburg“, welches Eigenständigkeit und rechtlichen Schutz der Sorben gewährleisten soll.
Roland Schulze, FH-Potsdam, Fachbereich Informationswissenschaften
Weiterführende Literatur:
Marianne Buckwar-Raak: Wendin? Sorbin? Lusizerin! - Auf den Spuren unserer Geschichte. Regia-Verlag, Taubenstraße 34, 03046 Cottbus. Tel. (0355) 79 07 66
Peter Schurmann: Die sorbische Bewegung 1945-1948 zwischen Selbstbehauptung und Anerkennung. Schriften des Sorbischen Instituts 18. Domowina-Verlag, Bautzen.
Peter Schurmann: Zur Geschichte der Sorben (Wenden) in der Niederlausitz im 20. Jahrhundert.