

Klare Formen: Haus Riehl, Gartenseite. Foto: MAZ/Hübner
FRANK PETER JÄGER Auf den ersten Blick ist es eine Villa wie viele andere auch: Der ländlich-behagliche Eindruck, der vom dem Gebäude in der Potsdam-Babelsberger Spitzweggasse ausgeht, lässt die Vielfalt geistiger Strömungen, die hier einst aufeinander trafen, nicht erahnen: Ein Spitzdach über hohem Giebel, nur zwei Fledermausgauben und ein schlichter Quergiebel ergänzen die geradezu archetypisch einfache Figur des Hauses. Es ist von traditionellen Proportionen bestimmt, die Fassade ist sparsam im Stil des seinerzeit populären Neo-Biedermeier dekoriert. In auffälligem Kontrast zur konventionellen Gestalt des Hauses steht die lange Stützmauer, aus der sich seine seitliche Giebelfront erhebt. Auf ihr thront das Haus wie ein Ausguck über dem Garten, der malerisch zum Griebnitzsee hin abfällt. Das Haus Riehl ist der Erstling Ludwig Mies van der Rohes, des wohl berühmtesten deutschen Architekten im 20. Jahrhundert. Mies war gerade 20 Jahren alt, als der Philosophieprofessor Alois Riehl ihn 1906 beauftragte, in einer der schönsten Lagen der Babelsberger Villenkolonie ein Haus für ihn und seine Frau zu errichten.
Der Bauherr blickte zu diesem Zeitpunkt schon auf eine erfolgreiche akademische Karriere zurück: Riehl hatte in Graz, Freiburg und Halle gelehrt, erst 1905, gewissermaßen als Krönung seiner akademischen Laufbahn, erhielt der inzwischen 61-Jährige den Ruf an die Berliner Universität. Seine akademischen Meriten hatte sich Riehl zwar vor allem durch seine Beschäftigung mit Kant verdient, doch gilt er zugleich als Mitbegründer der modernen Nietzsche-Rezeption.
Dass Riehl nicht davor zurückschreckte, die Errichtung seines Alterssitzes in die Hände eines unerfahrenen Architekten zu legen, erstaunt. Mies, Sohn eines Aachener Steinmetzes, hatte außer zwei Jahren beruflicher Praxis in verschiedenen Architekturbüros keinerlei Referenzen vorzuweisen. Die Entscheidung zugunsten von Mies (van der Rohe, den Mädchennamen der Mutter, fügte er erst später des besseren Klangs wegen hinzu) hing wohl auch damit zusammen, dass der Professor in ihm einen begabten, aber noch formbaren Gestalter sah. Unzweifelhaft fasste er seine Wahl als persönlichen Beitrag zur Nachwuchsförderung auf, denn bevor es ans Bauen ging, spendierte er dem Architekten erst einmal eine Italien-Reise.
Schon bald nach der Fertigstellung nennen Riehl und seine Frau ihr Landhaus liebevoll "Klösterli", verstehen es als Ort der geistigen Besinnung. Keineswegs aber im Sinne eines Rückzugs von der Welt: Regelmäßig lud das Ehepaar Gäste zur Teestunde, zum Musizieren oder auch zu einem Tanzabend ein, und machte sein Babelsberger Domizil zum Ort regen Austauschs, an denen der junge Mies häufig teilnahm.
In der abstrahierenden Klarheit seiner Form bildet das Haus Riehl - wie auch einige von Mies' Zehlendorfer Villen - eine Brücke zwischen preußischer Bautradition und Moderne. Ein zeitgenössischer Kritiker äußerte erfreut, das Haus sei von dem Pomp wilhelminischer Villen ebenso weit entfernt wie von dem formalen Schwulst des gerade abebbenden Jugendstils. Ein janusköpfiges Haus, zum oberen Garten hin Referenz an die Zeit um 1800, zur Hangseite schon ganz den bereinigten Formen des 20. Jahrhundert verpflichtet. Seine Extravaganz liegt jedoch weniger in stilistischen Einzelheiten, sondern in der Wirkung des Ganzen. Es ist die lange Stützmauer aus Feldsteinen, mit der Mies das Haus zu einer nahtlosen Einheit mit seiner Umgebung verband.
Die Art, wie er den hohen Giebel aus dem Mauersockel wachsen lässt, die Kombination also von Podium (Sockel) und Pavillon (Aufbau) ist eine Anleihe bei der Tempelarchitektur der Antike. Diese emblematische Klarheit macht das Haus zu einem "Meilenstein der Moderne". Mies wird diese Anordnung bei zweien seiner berühmtesten Bauten - dem deutschen Weltausstellungspavillon in Barcelona und 1966 bei der Neuen Nationalgalerie in Berlin - wieder aufgreifen. Weil der Außenraum für ihn gleichberechtigtes Element des Bauens ist, sind auch seine späteren Wohnbauten durch eine intime Verschränkung von Innenraum und Garten, von Architektur und Landschaft charakterisiert.
Für den jungen Architekten bedeutete das frühe Referenzprojekt in Babelsberg den Durchbruch. Er fand kurz nach Fertigstellung Anstellung im renommierten Architekturbüro des AEG-Architekten Peter Behrens, und wenige Jahre später konnte er in den Villenkolonien westlich von Berlin eine Reihe großzügiger Häuser verwirklichen.
Wie die beiden anderen Babelsberger Mies-Villen überstand das Haus Riehl den Zweiten Weltkrieg unbeschadet. Nach 1945 nutze es die Filmhochschule Babelsberg, inzwischen befindet es sich wieder in Privatbesitz. Nach einer sorgfältigen Sanierung Ende der 90er Jahre entsprechen das Haus und seine Außenanlagen wieder weitgehend dem ursprünglichen Erscheinungsbild.
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(von Hermann Kühn, Technische Universität Hamburg-Harburg)