

Foto: Albert Lübke (Angermünde)
Mit Recht scheint von vielen Orgelfreunden der Name Albert Schweitzers mit dem Bild einer geistigen Vaterfigur verknüpft zu werden, sobald von der Orgelbewegung die Rede ist. Weniger bekannt dürfte dagegen sein, dass schon sechs Jahre vor dem entscheidenden Impuls Schweitzers Hermann Mundt in der "Zeitschrift für Instrumentenbau" eine Lanze für die Orgeln Joachim Wagners zu brechen suchte. Auch eine Liste der damals bekannten noch erhaltenen Instrumente ist in den 1902 erschienenen Heften zu finden. Von einem Werk in Angermünde aber keine Spur, obwohl es neben der Brandenburger Domorgel zu den besterhaltenen größeren Denkmälern des Meisters gerechnet werden muss.
Zwar wurde es bald wiederentdeckt; die Würdigung, welche es wirklich verdient, erfährt es jedoch erst durch den unermüdlichen Initiativgeist des in Angermünde wirkenden, international bekannten Organisten Dieter Glös, seit die Potsdamer Orgelbaufirma Schuke 1976 die Restaurierungsarbeiten beendet hatte. Künstlerisch anspruchsvolle Orgelkonzerte geben dem "Orgelreisenden" Gelegenheit, sich davon zu überzeugen, dass uns hier nicht nur eine größere, sondern auch eine der wertvollsten Schöpfungen Wagnerscher Kunst überliefert ist.
Der vergleichsweise große Anteil an historischer Substanz darf als eine glückliche Folge der im 19. Jahrhundert oft anzutreffenden Mittellosigkeit ländlicher Gemeinden angesehen werden, vor der die "Modeströmungen" des Orgelbaus oft kapitulieren mussten. Die nicht gerade aufregende Geschichte nach dem Bau schlägt sich in einigen Reparaturen nieder und lässt sich anhand der Orgelakten sowie einer 1845 erschienenen Chronik zurückverfolgen. Der Verfasser, Carl Friedrich Ferdinand Lösener, "Conrector an der Stadtschule zu Neu Angermünde und ordentliches Mitglied der Königlichen Gesellschaft für Geschichte der Mark Brandenburg", hat - selbst Organist und Kenner seines Instrumentes - den Abschnitt über die Orgel so ausführlich abgehandelt, dass er nach fast 150 Jahren erneut zu Wort kommen soll:
"Die dritte Reparatur fand im Herbste 1845 Statt. Der berühmte Hr. Orgelbauer C. A. BUCHHOLZ aus Berlin hatte dieselbe, laut eines Kostenanschlages unterm 16. Februar 1844, für 372 Rthlr. übernommen, und zu dem Ende sandte derselbe, weil es nicht eher möglich war, am 6. Oktober 1845 seine Gehülfen, die HERREN SPECKMANN, KOHLBACH u. C. FISCHER, denen bald darauf auch der Sohn des Buchholz folgte. Diese fleißigen und sehr ge-schickten Arbeiter nahmen sich nun unserer Orgel mit lobenswerther Tüchtigkeit an, so daß eine, in allen Zweigen des Werks höchst gründliche Reparatur, wie sie noch niemals dem Werke zu Theil geworden war, vorgenommen wurde. Bei dem Auseinandernehmen der sehr schadhaften vier Bälge ergab es sich zunächst, daß der untere, am Eingang der Bälgekammer links, vom Orgelbauer WAGENER im Jahre 1743 neu gemacht, dagegen die andern drei von dem ehemaligen hießigen Organisten und Instrumentenmacher STEPHAN STILLER zu der frühern Orgel, welche 1568 hier erbaut worden, im Jahre 1716 neu angefertigt worden waren, wie er dies selbst durch Schrift in den Bälgen bemerkt hatte. Da nun bei dem Neubau unserer Orgel Herr WAGENER diese drei Bälge noch brauchbar fand, so wurden selbige fürs neue Werk benutzt. Indes ergab es sich jedoch jetzt, daß die vom STILLER gemachten Bälge nicht ganz richtig construiert waren, und so geschah denn mit diesen noch besonders eine bedeutende Vervollkommnung.
Nachdem nun die Bälge, Kanäle u. Windladen aufs Sorgfältigste verbessert und wieder an Ort und Stelle gebracht worden waren, begann die Aufsetzung der gereinigten und sauber polirten Flöten für den Prospect, worauf die Stimmung derselben durch den Meister der Orgelbaukunst, Hrn. C. A. BUCHHOLZ, am 14. November ihren Anfang nahm u. bis zum 26. deselben Monats währte ... Die höchst reine Stimmung des Werkes im Kammerton begeisterte alle Anwesenden ... Am 1. Adventssonntage fand die feierliche Einweihung ... statt und erfreute sich nun die versammelte Gemeinde um so mehr der herrlichen Töne der Orgel als sie bereits an sechs Wochen lang schmerzlich ihre Sphärenklänge bei gottesdienstlichen Handlungen gänzlich entbehren mußte."
An zwei kleineren Reparaturen vorbei (1821 durch Friedrich Marx, Berlin und 1806 durch Müller, Minden) führt der Rückblick zur eigentlichen Beschreibung des Instrumentes, mit dessen Baugeschehen Wagner reichlich zwei Jahre bis zum 29. Juni 1744 zubrachte. Dabei ist zu lesen, dass für das 1900 Pfeifen "schwere" Werk eigens eine neue Orgelempore "aufgeführt" werden musste. 1540 Rthlr. für Wagner stehen 1672 Reichsthalern für den Maler F. Löckel gegenüber, womit dieser Vergoldungs- und Anstricharbeiten entlohnt bekam. Die Sprache zweier Zahlen, welche uns zu der Frage nach dem gegenseitigen Stellenwert zweier Berufsgruppen in der damaligen Gesellschaft führen kann? Erwähnt sei noch, dass die Orgel über zwei funktionstüchtige Pauken verfügt, welche durch Figuren geschlagen und über eine Vorrichtung im Pedal vom Organisten bedient werden können. Die mitteltönige Stimmung gibt uns Gelegenheit, einem Mosaikstein barocker Klangwelt unmittelbar gegenüberzutreten.
Wolf Bergelt
Quellen:
Carl Ferdinand Friedrich Lösener, Chronik der Kreisstadt Neu-Angermünde, Schwedt 1845 /
vgl. a. IbZ musik international Jg. 37 (1983), H. 7, S. 464 f. / Instrument
Weitere Infos: www.orgellandschaft-brandenburg.de